SG-Stars schlagen Alarm

Handball

15.03.2017

Holger Glandorf und Mattias Andersson greifen das ewige Thema Spielplan auf. Die Flensburger fordern ein Einlenken von allen Beteiligten.

Flensburg. Es ist und bleibt das leidige Thema im Spitzenhandball: der proppenvolle Terminkalender und somit die (Über-)Belastung der Top-Spieler. Während in Deutschland und Schweden aktuell die Vorbereitungen auf die Doppel-Länderspiele am Wochenende in Göteborg (Sonnabend) und im Rahmen des »Tag des Handballs« in Hamburg (Sonntag) laufen, haben einige der Bundesliga-Stars eine spielfreie Woche in der Marathon-Saison. Zu ihnen gehören auch Holger Glandorf und Mattias Andersson von Bundesliga-Spitzenreiter SG Flensburg-Handewitt. Beide sind aus ihren jeweiligen Nationalteams zurückgetreten und könnten die Tage genießen. Es mischt sich jedoch ein wenig Ärger mit in die freie Zeit, die beide lieber im Sommer hätten.

»Ein Event wie der Tag des Handballs ist sicherlich super, die Nationalmannschaft kann sich zeigen, es wird Werbung für die Frauen-WM im Dezember gemacht, aber über den Zeitpunkt lässt sich streiten«, so Glandorf, der bei der Weltmeisterschaft im Januar in Frankreich ein kurzes Comeback gegeben und danach das DHB-Trikot endgültig abgelegt hatte.
Sein Teamkollege aus Flensburg wird noch deutlicher. »Weil DHB und HBL jetzt eine Länderspiel-Woche angesetzt haben, findet der letzte Bundesliga-Spieltag erst am 10. Juni statt. Der Saisonstart 2017/18 wird aber nicht um eine Woche nach hinten verschoben. Dadurch geht uns Spielern eine Woche Urlaub verloren, wichtige Zeit, die wir für die Regeneration verlieren. In anderen europäischen Ligen wird dagegen in dieser Woche einfach weitergespielt, sogar in Schweden«, so Andersson, dessen Landsleute genau aus diesem Grund nur Bundesliga-Akteure nominieren konnten. Spieler aus heimischen Vereinen fehlen ebenso wie der Ex-Hamburger und Veszprém-Star Andreas Nilsson oder der einstige Füchse-Mann Jesper Nielsen aus Paris.
»Es ist schon etwas komisch, dass die Schweden deswegen keine Leute aus der eigenen Liga dabei haben können«, findet Glandorf und sagt: »Ich hätte lieber im Sommer eine Woche mehr Urlaub als jetzt eine Woche frei.«
Andersson, der nach den Olympischen Spielen im vergangenen Sommer aus dem schwedischen Nationalteam zurückgetreten ist, sagt: »Ich vermisse die Nationalmannschaft, aber die Zeit, die ich beispielsweise im Januar während der WM hatte, war für mich enorm wichtig«. Der 38 Jahre alte Weltklasse-Torwart, der Handball bereits seit 20 Jahren auf Spitzenniveau betreibt, kritisiert genau wie Glandorf den Zeitpunkt der Länderspielwoche.
»Wieso werden die Spiele gerade jetzt abgehalten? Weder Deutschland noch Schweden wird mit seinen besten Spielern antreten, die haben frei bekommen oder abgesagt, weil es ihnen zu viel wird. Wem bringt es also etwas, doch nur den Funktionären und Verbänden«, so Andersson, der dabei auch an die Fans denkt, die nicht die Top-Teams ihrer Länder zu sehen bekommen.

So wird der neue deutsche Bundestrainer, Christian Prokop, gegen Schweden nicht nur erstmals im Einsatz sein. Auch er wird auf wichtige Spieler wie die des deutschen Meisters Rhein-Neckar Löwen und vom THW Kiel verzichten. »Damit kommen wir dem Wunsch der Champions-League-Vereine nach«, erklärt er.
Fehlen werden Stars und Gesichter der Badboys wie u.a. Andreas Wolff, Hendrik Pekeler oder Patrick Groetzki.
Glandorf weiß um die Komplexität des Themas Spielplan und sagt: »Natürlich ist das nicht einfach. Die IHF und EHF geben internationale Rahmenspielpläne vor, an denen sich die Bundesliga zu orientieren hat. Dennoch, in Sachen Spielplan gibt es noch einiges rauszuholen. Wir spielen die ganze Saison im Rhythmus Samstag, Mittwoch, Samstag, aber zum Saisonende hin nicht mehr. Wieso ist das so? Sicherlich, wer im Europacup weit kommt muss diese Termine auch noch einbauen, aber wenn man dort das Programm straft, wäre man früher fertig.«
Zudem findet der Weltmeister das aktuelle Champions League-Format mit den vielen Spielen in der Gruppenphase »zu aufgebläht«. Der Weltmeister von 2007 sieht dort Einsparungspotenzial und sagt weiter: »Wenn sich nicht alle Parteien an eine Tisch setzen, wird sich nie etwas ändern. Und das müsste es in seine Augen.
»Die Spieler die letztes Jahr bei den Olympischen Spielen waren, haben überhaupt kein frei gehabt. Alle wollen etwas vom Kuchen abhaben und so lange der eine nichts abgibt, will das auch der andere nicht. Doch zumindest in den Jahren mit Olympischen Spielen müsste man ein anderes Turnier streichen.«
Rückendeckung erhält er in dem Punkt von Andersson, der sagt: »Wie beim Fußball dürfte es nur alle vier Jahre eine Welt- und Europameisterschaft geben.«
Dann wäre auch mehr Zeit für Events wie das bevorstehende, an dem Top-Leute wie Andersson selber gerne teilnehmen würden und könnten.
Für viele ist jedoch der Rücktritt aus dem Nationalteam oder zumindest eine Pause – so wie beispielsweise auch bei DHB-Spieler Christian Dissinger – der einzige Ausweg.
»Oder sie verlassen die Bundesliga, weil die Belastung in anderen Ligen geringer ist«, sagt Glandorf und weist damit auf ein Problem hin, das dem Handball in Deutschland langfristig schadet.
»Wir drehen uns im Kreis«, so Glandorf abschließend. Es klingt ein wenig resignierend, aber dennoch ist es wichtig, dass vor allem die unmittelbar betroffenen, sprich die Spieler immer wieder auf das Thema hinweisen. Immer mit der Hoffnung, dass sich doch irgendwann etwas ändert.
Ruwen Möller