UPDATE: Schmäschke fordert Videobeweis

Handball

28.04.2016

Hamburg/Kielce. Als die SG Flensburg-Handewitt am Donnerstag-Nachmittag in Hamburg am Flughafen landete, war allen Beteiligten die Enttäuschung nach wie vor anzusehen. Müde, geschafft und immer noch frustriert waren sowohl die Verantwortlichen als auch die Spieler. Das bittere Viertelfinal-Aus in der Champions League bei Vive Tauron Kielce (wir berichteten) steckte der SG-Crew noch tief in den Knochen und hatte längst eine Grundsatzdiskussion im Handball ausgelöst. SG-Geschäftsführer Dierk Schmäschke forderte die Einführung des Videobeweises im Profi-Handball. »Ich bin es leid«, sagte Schmäschke am Donnerstag. »Die Trainer oder der EHF-Delegierte müssen in einer solchen Situation die Möglichkeit zum Einschreiten haben.« 

Für Unmut im SG-Lager hatte im Rückspiel beim 28:29 in Polen eine Situation in der Schluss-Sekunde gesorgt, als die französischen Referees Thierry Dentz und Denis Reibel den Flensburgern einen Siebenmeter verweigerten. Ein verwandelter Strafwurf zum 29:29 hätte dem Titelträger von 2014 zum Weiterkommen gereicht. »Wenn wir den Siebenmeter verworfen hätten, wäre das Aus in Ordnung gewesen, aber wir bekommen den Pfiff gar nicht«, hatte sich Schmäschke bereits direkt nach Ab-pfiff beklagt. Die TV-Bilder belegen, dass es eine klare Fehlentscheidung der Schiedsrichter war. »Wir haben gekämpft wie die Tiere. Meine Mannschaft hat ein überragendes Spiel gemacht«, sagte SG-Coach Ljubomir Vranjes am Sky-Mikrofon. Er wisse, dass die Entscheidung der Unparteiischen falsch gewesen sei: »Aber wir können nichts machen.« Schmäschke weiter: »Es ist beschämend und zeigt einmal mehr, dass unsere Sportart zu sehr von den Schiedsrichtern beeinflusst werden kann.« Unterstützung erhielt die SG in diesem Punkt von verschiedenster Seite aus der Handball-Welt. So twitterte Stefan Kretzschmar beispielhaft: »Das ist leider der Nachteil unserer Sportart. Zu viel Einflußmöglichkeiten der Schiedsrichter.« Bereits nach dem Hinspiel hatte es Stimmen im SG-Lager gegeben, die auf bessere Schiedsrichter gehofft hatten. Doch diese wurden nicht erhört. Ganz im Gegenteil. Die Franzosen agierten über die gesamten 60 Minuten unverhältnismässig in ihrer Auslegung von sowohl Siebenmetern als auch Zeitstrafen - meist zum Nachteil der SG. Ein Beispiel: Am Ende der ersten Hälfte kassierte SG-Kapitän Tobias Karlsson eine Zwei-Minuten-Strafe, weil er Kielces Tobias Reichmann gefoult haben sollte. Selbst der deutsche Europameister ging danach auf Karlsson zu und deutete an, es sei nichts gewesen. Die Refeeres blieben aber bei ihrer Entscheidung.

Arsch in der Hose

In der Schluss-Szene war es dann ausgerechnet Reichmann, der SG-Spielmacher Thomas Mogensen siebenmeterreif foulte. Dem Deutschen ist überhaupt kein Vorwurf zu machen, aber der ausgelassen Pfiff offenbart noch ein weiteres Problem im Spitzenhandball: Es gibt viele gute Teams und Spieler - Kielce und Flensburg zeigten ein absolut Königsklassen-würdiges Viertelfinale - aber viel zu wenig Gespanne, die es auf diesem Niveau mit den Sportlern aufnehmen können. »Die Schiedsrichter haben nicht den Arsch in der Hose in der Szene zu pfeifen und drehen sich weg«, schimpfte Schmäschke. Lasse Svan, SG-Rechtsaußen wünschte sich via Twitter »Eier« von den Schiedsrichtern. »Sie sollen einfach ihren Job machen und wir machen unseren«, sagte Vranjes. Keine Frage, auch die Arbeit der SG war im Rückspiel nicht fehlerfrei. Bei der Chancenverwertung gab es wie im Hinspiel Luft nach oben und vor allem diverse Überzahl-Situationen wurden ungewohnt schwach ausgespielt. Es geht auch nicht um den vielzitierten »schlechten Verlierer«, der bei Schiedsrichter-Kritik nach verlorenen Spielen gerne ins Feld geführt wird. Die SG wurde ganz objektiv auf ungerechtfertigte Art und Weise um ihren Lohn von langer, harter Arbeit gebracht.

Doch was tun?

Schmäschke will in seiner Funktion als Vizepräsident des Forums Club Handball (FCH), der Vertretung der europäischen Top-Vereine, tätig werden. Geschehe in absehbarer Zeit nichts, wäre das seiner Meinung nach »eine große Gefahr für den Handball«. Befürchtungen, dass das bittere Scheitern von Kielce psychische Spuren hinterlassen hat, hegte Schmäschke Donnerstag nicht. »Die Mannschaft ist mental stark genug, um das wegzustecken«, sagte er. Allerdings musste der Manager auch zugeben: »So eine enttäuschte Stimmung in der Kabine habe ich in 30 Jahren noch nicht erlebt.« Problematisch könnte eher der körperliche Zustand werden. Denn während sich der Halbfinal-Gegner von Sonnabend (15 Uhr/live Sport1), die Rhein-Neckar Löwen, eine Woche lang auf das Spiel vorbereiten konnten, fehlt den Norddeutschen diese Zeit. Vom Flughafen ging es direkt ins Hotel in Hamburg, wo am Abend eine Regenerations-Einheit auf dem Programm stand. Schmäschke: »Nur der Freitag bleibt uns dann noch zur Vorbereitung auf das Halbfinale. Aber wir werden kämpfen bis zum Umfallen. Einen Titel in dieser Saison wollen wir uns holen.«
Ruwen Möller