Ein schmutziger Sieg
Bundesliga: HSV - SG, der Nachdreher
10.09.2015
Hamburg. Im Spielplan-Gestrüpp den Überblick zu behalten, ist schon für sich genommen eine Leistung. Holger Glandorf bewies Weitsicht, als er die nächsten Gegner der SG Flensburg-Handewitt taxierte: »Am Samstag gegen Melsungen wird das auch kein Spaß. Es wird genauso körperbetont wie gegen den HSV. Oder schlimmer. Dann nach Wetzlar und am Samstag gegen Paris. Es geht jetzt richtig los. Umso wichtiger, dass wir so gut gestartet sind.« Die Power-Wochen bis Weihnachten sind nichts für zarte Gemüter. Glandorf dankte dem SG-Management für die Aufstockung der Mittel: »Unsere Stärke ist dieses Jahr der breite Kader. Man merkt, dass wir besser mit Druck umgehen können. Wir gewinnen jetzt auch die schmutzigen Spiele. Früher hätten wir hier etwas liegen gelassen.« Schmutzig - kann man sagen. Das hart erkämpfte 22:21 beim HSV Hamburg am Mittwochabend bot rein gar nichts aus der Abteilung Feinkost. Weil bei der SG kaum etwas zusammenlief und der neuformierte Gegner seine beste Saisonleistung bot, wurde der vierte Bundesliga-Sieg dieser Serie umso lauter bejubelt: Schlecht gespielt und doch gewonnen, das gilt in der Welt des Berufssports als Ausweis von Exzellenz. »Wir haben das wirklich nicht gut gemacht«, sagte Torwart Mattias Andersson, »wir hatten von Anfang an Stress. Ich hatte gehofft, dass wir viel besser spielen würden. Ich bin mit der Leistung unzufrieden, aber stolz, dass wir uns durchgesetzt haben.« Dabei hing der Erfolg vor nur noch 5466 Zuschauern am seidenen Faden. Hamburgs neuer Trainer Michael Biegler hatte seiner Mannschaft eine Deckung von gnadenloser Härte verordnet; die beiden Roten Karten nach drei Zeitstrafen gegen Ilija Brozovic und Piotr Grabarczyk in der 48. und 57. Minute waren Ausweis schieren Willens, der manchmal übers Ziel hinausschoss. »Ich weiß gar nicht, woher die Hektik kam«, sagte Glandorf später. Mit Jakobsson und Gottfridsson in der Start-Sieben fand Trainer Ljubomir Vranjes Mannschaft nie richtig in die Spur, rannte sich in der aggressiven HSV-Deckung fest oder scheiterte am starken Johannes Bitter und lag zur Pause 9:11 zurück. Mit Thomas Mogensen und Glandorf lief es im zweiten Durchgang besser. Den Sieg hatte die SG aber letztlich Anderssons 13 Paraden zu verdanken. Nicht einmal die Zwei-Tore-Führung 120 Sekunden vor Schluss spendete Sicherheit: Im Chaos der offensiven Deckung übers ganze Feld hätten sich Mogensen und Lauge beinahe mit bösen Folgen verheddert; am Ende lief die Uhr aber gegen den HSV. Vranjes fand klare Worte für den ungelenken Auftritt seiner Truppe drei Tage nach der Kiel-Gala. »Ich finde, wir haben echt Scheiße gespielt«, sagte er, »im ganzen Spiel hat es gehakt. Wir kamen nie in den Rhythmus, was auch an den vielen zwei-Minuten-Strafen gegen uns in der ersten Halbzeit lag. Aber die Jungs haben gekämpft wie die Schweine. Ich bin einfach froh über die zwei Punkte.«
Mahé fällt aus
Oft schon hat Flensburg in Hamburg schlecht ausgesehen. Zu großen HSV-Zeiten war die SG hier Punktelieferant. Die Vorzeichen sind nun aufgrund der Finanzen andere. Trotzdem ist und bleibt es schwer, beim HSV zu gewinnen. In Adrian Pfahl, Johannes Bitter und Hans Lindberg hat er weiterhin Topspieler im Kader, und an dieser Abwehr mit Flohr und Grabarczyk vorbeizukommen, tut weh. Dass Vranjes seinen Plan der Schonung für die hochbelasteten Mogensen und Glandorf aufgeben musste, um keine Federn zu lassen, wird ihn geärgert haben. Doch handeln musste er, denn der Druck aus dem Rückraum fehlte im ersten Durchgang komplett. Vranjes sagte: »Thomas ist ja ein Kampftier, er hat uns sehr gut getan. Johan hat es nicht schlecht gemacht, sich dann aber verletzt und ich musste Holger bringen.« Jakobsson bekam einen Schlag aufs Knie und musste auf die Bank. Sein Einsatz gegen Melsungen ist nicht gefährdet. Schlimmer erwischte es dagegen Kentin Mahé: Kaum auf dem Feld, knickte er um und dehnte sich die Bänder im linken Sprunggelenk schwer. Er wird zwei bis drei Wochen fehlen. Schade, denn der bewegliche Franzose hätte das SG-Spiel gegen die große, aber hüftsteife Hamburger Abwehr womöglich auf Touren gebracht. Man merkte am Jubel und den entschlossenen Blicken nach Abpfiff, wie viel dieser Sieg den SG-Profis bedeutet hatte. Am Anfang endloser anstrengender Wochen spendet so etwas Selbstvertrauen. »Wir haben die Nerven behalten und es durchgezogen«, sagte Manager Dierk Schmäschke, »es war ein Spiel, dass man nicht alle Tage sieht.« 15 Siebenmeter und 30 Strafminuten verteilten die Schiedsrichter Schulze und Tönnies. Hinterher waren die Verantwortlichen beider Teams deswegen unzufrieden. Auf Seiten der SG tat man sich wesentlich leichter, das Unveränderbare hinzunehmen.
Frank Heike
Statistik
HSV Handball: Bitter, Vortmann – Schmidt, Schröder 1, Nenadic, Mortensen 1, Flohr 1, Grabarczyk, Damgaard 2, Brozovic 1, Lindberg 6/3, Brauer, Hens 2, Jaanimaa, Pfahl 6, Feld
SG FleHa: Andersson, Møller – Karlsson, Eggert 10/6, Glandorf 2, Mogensen 2, Svan 2/1, Djordjic, Jakobsson 1, Zachariassen 1, Toft Hansen, Gottfridsson 2, Lauge 2, Mahé
Schiedsrichter: Schulze/Tönnies
Zuschauer: 5466
Siebenmeter: 5/3:10/8 (Mortensen über das Tor, Pfahl scheitert an Andersson – Eggert scheitert an Bitter, Svan an Vortmann)
Zeitstrafen: 6:8 (Brozovic 3, Flohr, Grabarczyk 3 - Toft Hansen 2, Eggert 2, Svan, Lauge, Mahé, Zachariassen)
Rote Karten: Brozovic (48., dritte Hinausstellung), Grabarczyk (57., dritte Hinausstellung)