„Medizinisch betrachtet ist das nicht zu verhindern, weil die Spieler vorhersehbar viel zu hoch belastet sind“, sagt der Professor. Den Medizinern bleibt nur die Chance, das maximal mögliche zu tun, um die Folgen der vielen Spiele abzumildern. Schwere Verletzungen gibt es dennoch. Der Handball opfert seine Stars wissentlich.
In erster Linie sind die Akteure von Verletzungen betroffen sind, die mit ihren Klubs in der Liga, in der Champions League und der Nationalmannschaft gefordert sind. Vor der EM mussten von den Rhein-Neckar Löwen Kapitän Uwe Gensheimer (Achillessehnenreizung) und Patrick Groetzki (Wadenbeinbruch) absagen, vom THW Kiel fehlt Patrick Wiencek (Kreuzbandriss). Jetzt kamen während des Turniers die Kieler Dissinger und Weinhold dazu. „Die deutschen Teilnehmer an der Champions League sind sicher zu hoch belastet, das ist bekannt“, sagte Bob Hanning, Vizepräsident des deutschen Handballbundes.
Weinhold erwischte es im 46. Pflichtspiel seit Mitte August, ohne Pause musste der Halbrechte mehr als acht Partien im Monat bestreiten. Entscheidend für den Verschleiß sind aber nicht die Minuten auf dem Feld allein, sondern die strapaziösen Reisen durch ganz Europa dazwischen. Regeneration ist kaum möglich. „Der Bio-Rhythmus verändert sich, die Spieler schlafen schlechter, die Regeneration leidet“, sagt „Doc“ Steuer. Starke Schlafmittel gehören in Breslau zur Grundausstattung.
Das Problem hat jetzt die Nationalmannschaft, gemacht werden sie von der deutschen Liga und den internationalen Verbänden. Eine Reduzierung der Liga auf 16 oder 14 Klubs lehnt die deutsche Handball-Liga (HBL) vehement ab, der europäische Verband (EHF) beharrt darauf, alle zwei Jahre eine EM auszutragen und ihr Premium-Produkt Champions-League aufzublähen. Das Problem der deutschen Spitzenklubs: Sie stehen in Europa alleine da, weil nur die Bundesliga ausgeglichen besetzt ist und die Topteams mit ihren Spielern jedes Wochenende fordert. Die besten Mannschaften in Europa schonen ihre Stars in der heimischen Liga, weshalb die nicht annähernd so stark belastet sind.
Und weil selbst die Klubs in Deutschland keine Allianz bilden, ist aktuell keine Reduzierung der Belastung absehbar. Der Kieler Manager Thorsten Storm steht gemeinsam mit Bob Hanning, der auch Manager der Berliner Füchse ist, an der Spitze einer internationalen Initiative, die im Handball eine Weltliga nach Vorbild der nordamerikanischen Profiligen etablieren will. Damit wollen die Klubs deutlich mehr Geld verdienen, als das aktuell in der Champions League möglich ist. Noch mehr Spiele und noch mehr Reisen wären die Folge einer „Weltliga“. Hanning sieht das anders: „In einer Superliga sehe ich die Chance, die Situation zu verbessern.“ Konkrete Lösungsansätze blieben bislang aus.
Den Vereinen ist eine Umsatzsteigerung wichtiger als die Gesundheit der Spieler. Wenn ein Spieler verschlissen ist, wird er schlicht gegen einen anderen ausgetauscht. Aus Sicht der Klub-Verantwortlichen ist das nachvollziehbar, die unterschiedlichen Interessen führen deshalb in ein klassisches Dilemma.
Die Diskussion um einen Schutz für die Spieler der Topklubs wird immer unehrlich bleiben, weil die Interessen von Liga und Verbänden im Vordergrund stehen und die Spieler bislang kein geeignetes Sprachrohr gefunden haben. Den Ansatz, eine starke Spielergewerkschaft zu gründen, blieb in den Kinderschuhen stecken. Es gibt Sonntagsreden, die einen Tag später vergessen sind. Steffen Weinhold humpelte unterdessen gestern durch die Hotelflure des Teamhotels.
Michael Wilkening